„Wir müssen aufpassen das der Mörtel im System bleibt“

Die Europawahlen sind zwei Wochen vorbei. Die Biografien der Politiker*innen der nächsten fünf Jahre sind geschrieben und eine neue Seite kann im Buch der Demokratie aufgeschlagen werden. Im letzten Moment wurde ein AFD Oberbürgermeister verhindert und der politische Zeitgeist steht auf grün. Alles gut, oder?

Naja. In Deutschland sind nur ca. 2,5 % aller Bürger*innen in einer Partei. Das ist wenig. Das ist verdammt wenig. Wenn wir uns gerade darüber freuen wie hoch doch die Wahlbeteiligung bei den Europawahlen war, sollten wir mit Entsetzten auf die Mitgliederzahl bei den Parteien schauen. Nur mal ein kleines Rechenbeispiel:

In Mainz gibt es 60 Sitze im Stadtrat, dazu kommen 6 Dezenten*innen und 15 Ortsvorsteher*innen sowie ca. 180 Personen in den Ortsbeiräten. Das sind insgesamt ca. 261 aktive Politiker*innen in Mainz. Mainz hat aktuell 215.110 Einwohner*innen. Davon sind dann ca. 5.000 Menschen in einer Partei und das wäre viel. Damit jede Partei alle 261 Funktionen besetzen könnte, hieße das für Mainz mit 11 Parteien im Stadtrat , dass es 2.871 Kandidat*innen bräuchte. Also jedes zweite Parteimitglied in Mainz müsste bei einer Wahl auf einer Liste stehen.

Ich weiß es ist keine saubere Rechnung und Parteien bekommen nie 100 % der Stimmen oder haben gleich viele Mitglieder, aber wir können trotzdem einige Schlüsse daraus ziehen.

Meinungen sind komplizierter als ein Multiple Choice Test
  1. Bei einer Wahl haben wir nur die Möglichkeit aus 12 oder 13 Wahlprogrammen der Parteien auszuwählen. Meistens ist unsere persönliche Meinung aber etwas komplexer. Wir finden das eine gut und das andere schlecht. Aber oft finden wir mehr als 12 Dinge gut oder schlecht. Um diese komplexe Meinung abbilden zu können müssen sich Menschen in Parteien engagieren.

  2. Parteien sind elitär. Beziehungsweise noch viel zu elitär. Das ist ein Problem. Ich gehe wählen, wenn ich mich mit jemanden identifizieren kann. Wenn mein Nachbar zur Wahl steht, dann werde ich eher hingehen. Da aber nicht ein Querschnitt der Gesellschaft in Parteien engagiert ist, haben wir selten solch einen Nachbarn. Das wird wiederum dadurch verstärkt, dass sehr wenige Menschen überhaupt in Parteien Mitglied sind.

  3. Warum tue ich das? Diese Frage stellen sich die Kandidaten*innen die nicht gewählt werden. Die Kandidaten*innen die zehn Wochen lang Wahlkampf machen und dann nicht gewinnen. Das ist so lange kein Problem, solange genug Leute darauf warten, kandidieren zu dürfen. Betrachten wir nun die Zahlen von vorhin. Immer weniger Menschen sind Mitglied in Parteien. Die Anzahl der Funktionen, die besetzt werden müssen bleibt aber gleich. Die Anzahl der Menschen die Fragen haben und ein offenes Ohr brauchen, bleibt aber gleich. Somit haben wir weniger Menschen für gleich viel Probleme.

Stellen Sie sich vor, wir haben Wahl und keiner geht hin.

Stellen Sie sich vor, wir haben Wahl und keiner kandidiert. Die CDU hat Niemanden gefunden, der für sie bei der Oberbürgermeister*innen Wahl im Mainz antritt. Wir wollen zur Ehrenrettung der CDU sagen, dass sie einfach nur einen neuen Wind wollten und nicht keiner Mut hatte. Doch wenn wir die traurige Wahrheit hinten dran anschauen. Wird das Amt des Politikers immer unattraktiver.

  • Warum soll ich mich in die Öffentlichkeit stellen und für etwas stehen, wenn ich auch nur demonstrieren kann?

  • Warum soll ich angefeindet werden, wenn eine Petition ausreicht?

  • Warum soll ich mich für eine Partei rechtfertigen, wenn meine Meinung doch komplexer ist?

Und genau das diese Fragen nicht wie verrückte Ideen eines Theoretikers klingen, sondern wie die praktischen Probleme im Alltag einer Partei. Also: werdet politischer! Unterstützt jeden Engagierten und bringt fünf euer Freunde dazu, auch in eine Partei einzutreten. Wir brauchen eine breite Basis, damit nicht mehr 2,5 % aller deutschen Mitglied sind sondern mindestens 25 %.

Das Schlimmste was unserer Demokratie passieren kann ist, dass keiner sich mehr traut, sich für sie einzusetzen. Wir werden die nächsten Jahre nicht das Problem haben, dass keiner mehr wählen geht, sondern dass kaum noch einer gewählt werden will.

Und die, die gewählt werden wollen nicht die sind, die wir wählen wollen. Denn genau diese Menschen sind der Mörtel im System, die das Fundament der Demokratie erhalten.