Warum engagieren sich so wenig Menschen in Parteien? 

Dies ist einer der Gordischen Knoten unserer Zeit. Ich kenne nicht die Antwort. Ich versuche, einige Punkte aufzuzählen, die in den aktuellen Strukturen schwierig sind. Die Liste ist nicht vollständig und auch nicht ausführlich erläutert. Vor allem will die Aufzählung einfach sein und kein wissenschaftlicher Text. Wir haben genug Texte, die keiner versteht. 


Ehrlich sein heißt nicht ehrlich sein.

Wenn wir von Aufrichtigkeit reden müssen wir sie auch einhalten. Früher wurden Presseerklärungen für die Presse gemacht. Heute kommen diese Erklärungen bei allen an. Der Grat zwischen Antwortverweigerung und Lüge ist sehr schmal. Wir Menschen sind kompliziert und deshalb sollte Politik uns nicht wie Kleinkinder behandeln. Wir möchten Ehrlichkeit. Wir möchten wissen ob wir unterstützt werden oder nicht. Und nicht veralbert werden in dem man Floskelen als Antwort bekommt.

Tun heißt tun und nicht abwarten.

Wir machen Werkstattgespräche, wir Sitzen an runden Tischen und nehmen an Kneipentouren teil. Was wir eigentlich machen sollten, wären die Ergebnisse festhalten und umsetzen. Nichts ist frustrierender als sich zu beteiligen und zu wissen das Resultat wird untergehen. Das passiert viel zu oft. Unsere Lebenszeit ist so begrenzt, dass sie effizient genutzt werden muss. Niemand braucht Veranstaltungen, zum Klatschen und Klappe halten. Wir benötigen Orte an denen man mitdiskutiert und ernst genommen wird.

Es geht nicht um uns, sondern um euch.

Politik ist kein Selbstzweck. Jeder politisch engagierte Mensch möchte uns Bürgern helfen. Deshalb bringen Streitereien nichts und es braucht mehr inhaltliche Debatte. Mit aufrichtiger ehrlicher Kritik, ohne unter der Gürtellinie zu landen. Das schreckt ab, wie Diskurs in Parteien funktioniert. Ich möchte nicht in Machtkonstruktionen verflochten sein, sondern Menschen bewegen.

Ich möchte Politik machen, die ich kenne.

Wenn ich mich in einer Partei engagiere, dann ist es mir wichtig, dass ich auch mit sprechen kann. Ich möchte eher selten am Anfang genau entscheiden was in meinem Ortsteil passiert, sondern vielmehr dort wo ich politisiert wurde und das ist die Bundespolitik. Aber, Parteien arbeiten von unten nach oben. Das ist nicht gut. Da einige Menschen schnell frustriert werden wenn sie nicht das bewegen können, was sie wollen. Die Kommunalpolitik ist nicht die Grundschule der Demokratie, sondern die Elite. Denn jeder Kommunalpolitiker hat direkten Bürgerkontakt und muss sich nicht mit Pressestellen unterhalten. Deshalb: Bringt die Menschen den bundespolitischen Themen nahe, bevor sie sich mit der Parkbank von nebenan beschäftigen müssen.

Altersdiskriminierung funktioniert passiv.

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Hier ist ein Dilemma. Jede Partei ist bemüht junge Menschen aufzunehmen. Ob bei der CDU, den Grünen, oder der SPD jede Person unter 50 Jahre ist ein Geschenk. Aber, keiner möchte der Quoten Jugendliche sein. Das Problem, die Strukturen nehmen einen ernst, aber nicht die Menschen. Politik ist ein großes Spielfeld, bei dem niemand ein Experte ist. Lasst die jungen experimentieren und schiebt sie nicht ab in die Jugendorganisationen. Je mehr Durchmischung wir haben, desto mehr gute Ideen und hilfreiche Menschen bekommen wir zügig an der Spitze von Parteiorganisationen.

Gib dem Internet die Chance, sich zu entfalten.

Wir reden die ganze Zeit vom World Wide Web als wäre es ein weiterer Medienkanal. Das ist falsch. Das Internet ist die Möglichkeit, Menschen wirklich zu beteiligen. Doch meistens machen wir mehr Öffentlichkeitsarbeit als Beteiligung. Wenn Spitzenpolitiker auf Instagram oder Twitter schreiben dann veröffentlichen sie ihre Meinung, doch leider holen sie nicht Positionen der Bürger ein. Aber genau diese Möglichkeit schafft das Internet.

Was soll der Quatsch mit der Parteilinie.

Ja, Politik funktioniert mit Kompromissen. Aber, wir Menschen sind nicht ein Kompromiss. Ich habe eine persönliche Meinung. Und ich möchte auch zu dieser Position stehen können. Aufrichtigkeit ist wichtig und Ehrlichkeit hört eben nicht auf dann, auf wenn es um Kompromisse geht. Sagt, wie ihr euch entscheidet, und macht dadurch Politik Transparent.

Komplexität ist keine Ausrede, sondern eine Chance.

Jedes Mal wenn eine Organisation ein gutes Argument nach kommt, als Antwort die Realität ist viel komplizierter. Ja, ist sie. Aber kompliziert sein ist keine Ausrede. Wir sollten immer den Bürger nicht unter fordern, sondern tendenziell überfordern. Ich will nicht verarscht werden. Wenn ein Gesetz gut ist, dann finde ich es selber raus. Ich brauch niemand der mir ein Gesetz "Gute Kita Gesetz“ nennt wenn ich selber den Text lesen kann. Dann kann ich sagen, dass es gut ist und nicht meine Regierung muss es mir unter die Nase reiben. 


Zum Schluss: Natürlich läuft es an vielen stellen besser als hier beschrieben, doch lieber reibe ich mich an einem Text mehr als an einem zu wenig. Euch eine schöne Woche im Netz.

„Wir müssen aufpassen das der Mörtel im System bleibt“

Die Europawahlen sind zwei Wochen vorbei. Die Biografien der Politiker*innen der nächsten fünf Jahre sind geschrieben und eine neue Seite kann im Buch der Demokratie aufgeschlagen werden. Im letzten Moment wurde ein AFD Oberbürgermeister verhindert und der politische Zeitgeist steht auf grün. Alles gut, oder?

Naja. In Deutschland sind nur ca. 2,5 % aller Bürger*innen in einer Partei. Das ist wenig. Das ist verdammt wenig. Wenn wir uns gerade darüber freuen wie hoch doch die Wahlbeteiligung bei den Europawahlen war, sollten wir mit Entsetzten auf die Mitgliederzahl bei den Parteien schauen. Nur mal ein kleines Rechenbeispiel:

In Mainz gibt es 60 Sitze im Stadtrat, dazu kommen 6 Dezenten*innen und 15 Ortsvorsteher*innen sowie ca. 180 Personen in den Ortsbeiräten. Das sind insgesamt ca. 261 aktive Politiker*innen in Mainz. Mainz hat aktuell 215.110 Einwohner*innen. Davon sind dann ca. 5.000 Menschen in einer Partei und das wäre viel. Damit jede Partei alle 261 Funktionen besetzen könnte, hieße das für Mainz mit 11 Parteien im Stadtrat , dass es 2.871 Kandidat*innen bräuchte. Also jedes zweite Parteimitglied in Mainz müsste bei einer Wahl auf einer Liste stehen.

Ich weiß es ist keine saubere Rechnung und Parteien bekommen nie 100 % der Stimmen oder haben gleich viele Mitglieder, aber wir können trotzdem einige Schlüsse daraus ziehen.

Meinungen sind komplizierter als ein Multiple Choice Test
  1. Bei einer Wahl haben wir nur die Möglichkeit aus 12 oder 13 Wahlprogrammen der Parteien auszuwählen. Meistens ist unsere persönliche Meinung aber etwas komplexer. Wir finden das eine gut und das andere schlecht. Aber oft finden wir mehr als 12 Dinge gut oder schlecht. Um diese komplexe Meinung abbilden zu können müssen sich Menschen in Parteien engagieren.

  2. Parteien sind elitär. Beziehungsweise noch viel zu elitär. Das ist ein Problem. Ich gehe wählen, wenn ich mich mit jemanden identifizieren kann. Wenn mein Nachbar zur Wahl steht, dann werde ich eher hingehen. Da aber nicht ein Querschnitt der Gesellschaft in Parteien engagiert ist, haben wir selten solch einen Nachbarn. Das wird wiederum dadurch verstärkt, dass sehr wenige Menschen überhaupt in Parteien Mitglied sind.

  3. Warum tue ich das? Diese Frage stellen sich die Kandidaten*innen die nicht gewählt werden. Die Kandidaten*innen die zehn Wochen lang Wahlkampf machen und dann nicht gewinnen. Das ist so lange kein Problem, solange genug Leute darauf warten, kandidieren zu dürfen. Betrachten wir nun die Zahlen von vorhin. Immer weniger Menschen sind Mitglied in Parteien. Die Anzahl der Funktionen, die besetzt werden müssen bleibt aber gleich. Die Anzahl der Menschen die Fragen haben und ein offenes Ohr brauchen, bleibt aber gleich. Somit haben wir weniger Menschen für gleich viel Probleme.

Stellen Sie sich vor, wir haben Wahl und keiner geht hin.

Stellen Sie sich vor, wir haben Wahl und keiner kandidiert. Die CDU hat Niemanden gefunden, der für sie bei der Oberbürgermeister*innen Wahl im Mainz antritt. Wir wollen zur Ehrenrettung der CDU sagen, dass sie einfach nur einen neuen Wind wollten und nicht keiner Mut hatte. Doch wenn wir die traurige Wahrheit hinten dran anschauen. Wird das Amt des Politikers immer unattraktiver.

  • Warum soll ich mich in die Öffentlichkeit stellen und für etwas stehen, wenn ich auch nur demonstrieren kann?

  • Warum soll ich angefeindet werden, wenn eine Petition ausreicht?

  • Warum soll ich mich für eine Partei rechtfertigen, wenn meine Meinung doch komplexer ist?

Und genau das diese Fragen nicht wie verrückte Ideen eines Theoretikers klingen, sondern wie die praktischen Probleme im Alltag einer Partei. Also: werdet politischer! Unterstützt jeden Engagierten und bringt fünf euer Freunde dazu, auch in eine Partei einzutreten. Wir brauchen eine breite Basis, damit nicht mehr 2,5 % aller deutschen Mitglied sind sondern mindestens 25 %.

Das Schlimmste was unserer Demokratie passieren kann ist, dass keiner sich mehr traut, sich für sie einzusetzen. Wir werden die nächsten Jahre nicht das Problem haben, dass keiner mehr wählen geht, sondern dass kaum noch einer gewählt werden will.

Und die, die gewählt werden wollen nicht die sind, die wir wählen wollen. Denn genau diese Menschen sind der Mörtel im System, die das Fundament der Demokratie erhalten.